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Heimat nicht vergessen

igz

Diese Kündigung nahm Ralf Lemle, Geschäftsführer des iGZ-Mitglieds Office4U, gerne entgegen: Der 21-jährige Mazlum Türküncü verabschiedete sich von seinem ehemaligen Arbeitgeber, um eine Ausbildung in dem Betrieb zu beginnen, in dem er zuvor über Zeitarbeit als Helfer eingesetzt war.

Türküncüs Familie stammt aus dem kurdischen Gebiet der Türkei. Im Jahr 2000 suchte sein Vater Asyl und Arbeit in Deutschland. Fünf Jahre später kam die Familie hinterher. Mazlum Türküncü ging zur Hauptschule, bestand seinen Abschluss mit Realschulqualifikation und besuchte anschließend das Berufskolleg, um Abitur zu machen. Aus familiären Gründen beendete er jedoch im November 2014 die Schule vorzeitig. Stattdessen wollte er eine Ausbildung absolvieren. Allerdings hatte das Ausbildungsjahr bereits begonnen.

„Ich wollte auf gar keinen Fall vom Amt leben“, begründet Türküncü seine Entscheidung, sich bei Office4U zu bewerben, um die Zeit bis zur neuen Ausbildungsperiode zu überbrücken. Ein Freund hatte ihm erzählt, dass das iGZ-Mitglied einen guten Tariflohn zahle und auch sonst fair mit seinen Mitarbeitern umgehe. Er stellte sich im Zeitarbeitsunternehmen vor, tags drauf begann er bei einem Solinger Automobilzulieferer. Dass ihm genau dieser „Übergangsjob“ den Weg in die Ausbildung ebnete, ahnte er zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Die Arbeit beim Automobilzulieferer machte ihm Spaß, das Klima unter den Kollegen war toll. Dass er als Zeitarbeitnehmer nicht direkt im Kundenbetrieb angestellt war, bedeutete überhaupt keinen Unterschied. Schon nach zwei Wochen fragte er Lemle, ob er nicht in dem Solinger Betrieb eine Ausbildung anfangen könne. „Da musste ich ihn erstmal ein wenig bremsen“, schmunzelt Lemle.

Doch Türküncü war nicht aufzuhalten. Nach vier Wochen sprach er den Betriebsleiter auf eine Ausbildung an. Daraufhin nahm ihn der Leiter genau unter die Lupe – Türküncü lieferte seine Leistung ab. Nach zwei Monaten durfte er in die Nachtschicht wechseln, die selbstständiger arbeitet. „Das darf nur eine ausgewählte Truppe“, bekräftigt Lemle. Parallel hielt der Betriebsleiter des Kundenunternehmens mehrfach Rücksprache mit Lemle. Nach einiger Zeit waren sich beide einig: Türküncü hat das Zeug zur Ausbildung zum Verfahrensmechaniker Kunststoff und Kautschuk. Künftig wird er die Maschinen umrüsten und einrichten, an denen er zuvor als Helfer gearbeitet hat.

Das Tolle an Deutschland ist, dass man sich immer hocharbeiten kann, wenn man sich nur genug reinhängt

Während der Ausbildung muss Türküncü zunächst mit weniger Geld über die Runden kommen, als er als Helfer in der Zeitarbeit verdient hat. „Nach der Ausbildung wird der Mindestlohn dann aber überhaupt kein Thema mehr für Sie sein“, ermutigt Lemle ihn. Als Facharbeiter liege sein Gehalt auf einem ganz anderen Level. „Hinzu kommt, dass ich in der Region keinen einzigen arbeitslosen Verfahrensmechaniker kenne.“ „Das Tolle an Deutschland ist, dass man sich immer hocharbeiten kann, wenn man sich nur genug reinhängt“, freut sich Türküncü über seinen Erfolg – und hat auch schon Ziele für die Zukunft. Nach der Ausbildung möchte er sich zum Techniker oder Meister in Verfahrensmechanik weiterbilden. Die Motivation dazu nimmt er auch aus seiner Vergangenheit. „Viele Ausländer wissen aus ihrer früheren Heimat, wie es ist, sehr arm zu sein. Ich vergesse nicht, woher ich komme. Ich möchte arbeiten und Geld verdienen“, verdeutlicht Türküncü.

Da bleibt es Lemle nur noch, seinem ehemaligen Mitarbeiter einige gute Wünsche mit auf den Weg zu geben: „Halten Sie durch! Es wird schöne und schlechte Tage geben, Erfolge und Misserfolge. Aber wenn Sie die nächsten drei Jahre richtig durchziehen, dann haben Sie anschließend eine abgeschlossene Ausbildung – und die kann Ihnen dann auch niemand mehr nehmen.“ (Maren Letterhaus)

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